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Tandems gegen Vorurteile (Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kirche, 19. August 2017)

28.08.2017 11:58

Initiative Christen für Europa in Dresden-Pappritz vermittelt Freiwillige zu Sozialdienst im Ausland, von Tomas Gärtner


Junge Freiwillige aus verschiedenen europäischen Ländern lernen mit Rita Lencsés (Mitte) im Hans-und-Sophie-Scholl-Haus der Initiative Christen für Europa (ICE) Deutsch. Foto: Dietrich Flechtner

Das Hans-und-Sophie-Scholl-Haus in Dresden-Pappritz ist wie ein Knoten, von dem aus Fäden in alle Ecken Europas, manche noch darüber hinaus in die Welt führen. In diesen Tagen herrscht dort reges Leben in allen Räumen. In einem sitzen zwölf junge Frauen und Männer an zwei Tischen und stecken die Köpfe über Blättern und Heften zusammen. Sie kommen aus Italien, Ungarn, Spanien, Rumänien und Albanien und bereiten sich auf einen einjährigen Freiwilligendienst in Deutschland vor.

Zwei Frauen bringen ihnen deutsche Redewendungen bei. Marianne Ziesmer war 2014 selbst als Freiwillige in Rumänien. Jetzt studiert sie Deutsch als Fremdsprache in Jena. Am zweiten Tisch tippt Rita Lencsés mit der Spitze eines Stifts auf ein Blatt und spricht langsam, Wort für Wort, vor: "Wir - kommen - ins - Gespräch". Die Ungarin hat ihren Freiwilligendienst 2006 in einer Einrichtung für behinderte Kinder in Radebeul geleistet. Heute arbeitet sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in Budapest.

In einem Raum im Untergeschoss sitzen junge Leute aus Polen, Indonesien, Togo, Syrien und Kolumbien - die Gruppe "Fortgeschrittene - Deutsch". "Kurioserweise kommen die am weitesten Fortgeschrittenen aus den fernsten Ländern", bemerkt Sebastian Kornmesser, der Bildungsreferent im Haus ist.

Svitlana Vyshnevska übt mit den Frauen und Männern Vokabeln wie "Blinddarm", "Blasenentzündung", "Husten" oder "Rollator". Sie kommt aus der Ukraine und lehrt seit sieben Jahren Deutsch als Fremdsprache.

Dodji Agboke aus Togo wird als Freiwilliger in eine Behinderteneinrichtung der Diakonie im baden-württembergischen Schorndorf gehen; Ahmat Ali, Flüchtling aus Syrien, in eine Behinderten-Wohnstätte der Lebenshilfe in Dresden.

Auf einer Couch unterhalten sich zwei junge Frauen. Cäcilia Haverkamp, Abiturientin aus Bad Kreuznach, will in ein Caritas-Zentrum für Behinderte nach Mostar gehen. Luise Wagener, die inzwischen in Regensburg studiert, war vor drei Jahren dort. Jetzt bringt sie Cäcilia Bosnisch bei.

"Warum denn ausgerechnet dorthin?", haben ihre Eltern Cäcilia entsetzt gefragt. "In den Urlaub fahren wir eben nach Spanien, höchstens mal nach Kroatien", erzählt die 19-Jährige. "Südosteuropa aber kennt niemand bei uns." Luise Wagener kann das bestätigen: "Den Balkan kennen alle nur als Pulverfass. Meine Oma konnte zunächst überhaupt nicht verstehen, dass ich da hin will. Jetzt fragt sie nach und ich erzähle."

Von ganz anderen Erlebnissen berichten als Zeitungen, Radio und Fernsehen wird auch Cäcilia bald können. "Ich werde nicht die Welt verändern, aber wenigstens meine Verwandten bekommen durch mich ein anderes Bild von diesem Land."

Stereotype, Klischees, Vorurteile sind ein Thema des zweiwöchigen Vorbereitungskurses der Freiwilligen hier bei der Initiative Christen für Europa (ICE). 22 Deutsche verbringen diese Tage mit 35 jungen Leuten aus 18 Nationen. "Wir wollen eine umfassende Identifikation mit dem anderen Land ermöglichen", erläutert Vereinsvorstand Gebhardt Ruess. "Das vollzieht sich aber nicht abstrakt in Sprachkursen, sondern über die Begegnung zwischen Personen", fügt der 53-jährige Schwabe hinzu.

Deswegen ist eine der Methoden das "Tandem". Der oder die Eine trifft sich mit dem oder der Anderen, in dessen oder deren Land er als Freiwilliger in Sozialeinrichtungen geht. Interkultureller Austausch von Angesicht zu Angesicht. Das fremde Land lernen die jungen Leute über jene Einrichtungen kennen, in denen man den Schwächsten der Gesellschaft hilft, meist Behinderten.

Vorurteile und Ängste mit Begegnungen abzubauen, diesem Prinzip ist Gebhardt Ruess auch gefolgt, als ein kleiner Ausläufer der Flüchtlingswelle in Pappritz ankam. Als 2014 bei Bürgerversammlungen der Zorn der Bewohner gegen das geplante Übergangsheim in einem ehemaligen Hotel schräg über die Straße hochkochte, gründete er mit anderen zusammen die Initiative "Willkommen im Hochland". "Es ging uns einfach darum, die Flüchtlinge menschenwürdig zu empfangen", erzählt er.

Im Hans-und-Sophie-Scholl-Haus der ICE bringen Flüchtlinge gebrauchte Fahrräder wieder zum Rollen, sie bekommen Rechtsberatung, kochen gemeinsam mit den Einheimischen, spielen mit ihnen Basketball, machen Ausflüge, pflanzen Obstbäume oder reinigen die Elbwiesen. Voriges Jahr haben sie mit ihnen Advent gefeiert. Für den 3. September haben sie ein Sommerfest vorbereitet. "Inzwischen parken die Anwohner ihre Autos wieder direkt vor dem Heim", erzählt Gebhardt Ruess. "Das hatten sie sich in den ersten Wochen nach Ankunft der Flüchtlinge nicht getraut."

Initiative Christen für Europa

Geschichte:

1989 gegründet von Jesuitenpater Theobald Rieth (1926-2014); Soldat im Zweiten Weltkrieg, in russischer Kriegsgefangenschaft; rief bereits 1951 auf, unter dem Motto "Versöhnung über den Gräbern" vergessene Soldatenfriedhöfe wieder herzurichten; initiiert 1988 "Freiwillige Soziale Dienste Europa", 2001 umbenannt in "Brücken bauen in Europa - Freiwillig Teilen und Dienen", 2010 in "Brücken der Menschlichkeit"

 Aufgabe: Brückenschlag zwischen West und Ost, in Deutschland und Europa, um "für Menschenrechte im privaten und gesellschaftlichen Leben einzutreten" (Satzung)

 Prinzipien: christliche Soziallehre, dazu gehören Personalität (Menschenbild der unantastbaren Würde eines jeden Menschen), Solidarität (mitmenschlicher Zusammenhalt), Subsidiarität (Verantwortlichkeit und Selbsthilfe der kleineren gesellschaftlichen Einheiten, beginnend bei Familie)

 Mitglieder: 56 Personen und 16 Institutionen (Sozialvereine und Stiftungen aus Deutschland, Frankreich, Polen, Rumänien, Ungarn, Russland); besonders verbunden den katholischen Bistümern Dresden-Meißen, Aachen sowie dem Jesuiten-Orden

 Freiwillige: seit Gründung rund 3200 zu einjährigem Freiwilligendienst entsandt

 Kontakt: Initiative Christen für Europa e.V. / ICE, Wachwitzer Höhenweg 10, 01328 Dresden; Tel. 0351 / 2150020; E-Mail info@freiwilligendienst.de

Internet: www.freiwilligendienst.de

 

 

 

 



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